Krippenarbeit
Aus dem Alltag von Aniko und ihren Freunden
von Antje Bostelmann
Aniko ist seit 13 Monaten auf der Welt. Sie hat vor ein paar Wochen laufen gelernt. Seit vier Wochen ist sie ein Krippenkind. Aniko hat sich schon bald an die Krippe gewöhnt. Ihrer Mutter fiel die Trennung ein wenig schwer, aber seit ein paar Tagen hat es den Anschein, dass beide sich gut an ihren neuen Alltag gewöhnt haben.
Vor Aniko steht ein Körbchen mit bunten Holzkugeln. Als Aniko sie in die Hand nimmt und schüttelt, hört sie, dass die Kugel klingt. Sorgfältig untersucht sie ihre Entdeckung: Sie dreht die Kugel in der Hand hin und her, befühlt sie. Sie betrachtet sie eingehend von allen Seiten, wechselt die Hände und nimmt eine zweite Kugel. Siehe da, aus dieser Kugel kommt ein ganz anderer Klang. Aniko ist begeistert und macht sich daran, die anderen Kugeln zu untersuchen.
Hier ist eine Forscherin am Werk, die dabei ist, sich die Gesetzmäßigkeiten der Welt, auf der sie vor so kurzer Zeit gelandet ist, anzueignen. Sie lernt durch ausprobieren und wiederholen: Die Dinge, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen, können doch unterschiedlich sein.
Diese und viele andere kleine Selbstverständlichkeiten, die wir Erwachsene so gar nicht mehr wahrnehmen, bilden die großen Lernsensationen im Alltag der ganz kleinen Kinder. Schlimm, wenn diese elementaren Erfahrungen aufgrund von fehlenden Materialien oder fehlendem Fachwissen der Erzieherin Aniko vorenthalten blieben.
Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von qualitativ hochwertigen Betreuungsangeboten für die unter dreijährigen Kindern nimmt in Deutschland zu – das ist ein Fortschritt. Die Krippen sind zum Stichwortgeber von Debatten geworden. Trotzdem, darüber, wie eine gute Krippe arbeiten muss, welche Ausbildung die Erzieherinnen brauchen und was Eltern von einer guten Krippe erwarten können, wird zu wenig gesprochen.
Es ist bekannt, dass Erzieherinnen im Rahmen ihrer Ausbildung meist nicht gelernt haben, mit den Allerkleinsten umzugehen. Den Beruf der Krippenerzieherin gab und gibt es in der Bundesrepublik nicht.
Aber anstatt zügig eine moderne Ausbildungen für Krippenerzieherinnen auf die Beine zu stellen, arbeitet man sich an den alten Vorbehalten gegenüber der frühkindlichen Betreuung ab. Dabei ist die Fragestellung Mutter oder Krippe im europäischen Kontext längst eindeutig für die Krippe entscheiden worden. Tagesmütter scheinen für deutsche Politiker an dieser Stelle ein machbarer Kompromiss zu sein. Dennoch, in eilig arrangierten Fortbildungen mit minimalem Stundenumfang können die oft sehr engagierten Frauen, die eine Arbeit als Tagesmutter wählen, kaum das Wissen und die Fähigkeiten erlangen, welche Krippenkinder wie Aniko ihnen abverlangen. Das Wissen um die motorische, kognitive und psychosoziale Entwicklung der Kleinstkinder und deren altersgemäße Förderung im pädagogischen Alltag erlernt man eben nicht im Rahmen von Großseminaren an einem Nachmittag. Auch nicht auf dem Weg des „Erfahrungsaustausches“ unter Laien. Kleinkinder sind nun mal keine kleineren Kindergartenkinder und das macht es auch vielen Kindergärten schwer, die sich jetzt mit U-3 Gruppen dem wachsenden Bedarf an frühkindlicher Betreuung stellen.
In guten Krippen geht es nicht nur um die gute Behütung der kleinen Kinder während der Zeit, in der die Mutter im Büro ist oder einer anderen Tätigkeit nachgeht.
In der Krippenpädagogik geht es immer um die Förderung der Entwicklung der Kleinsten. In den ersten drei Lebensjahren folgt die kindliche Entwicklung einem ganz eigenen Programm. Rasend schnell wird aus dem liegenden, brabbelnden Säugling ein sprachgewandter Dreijähriger, der die Aufnahme in den Kindergarten herbeisehnt. Kinder wie Aniko machen in den ersten drei Jahren ihres Lebens elementare Bildungserfahrungen. Das können viele Erwachsene aus ihrer Perspektive oft nicht verstehen. Diese Erfahrungen entsprechen ganz speziell der Welt der Kleinkinder. Um sie zu fördern, sind vom Krippenpädagogen ein sehr spezielles Wissen und viele Erfahrungen in der Förderungen der frühkindlichen Entwicklung gefordert. Es reicht nicht aus, sich als Erwachsener dem Tun der kleinen Kinder aussetzen. Von Krippenpädagogen wird erwartet, dass sie in die Hocke zu gehen und mit unter den Tisch zu krabbeln, um die Entdeckungsreisen eines Menschen zu teilen, der so klein ist, wie man es selbst in einer Zeit war, an die man sich nicht mehr erinnern kann.
Krippenpädagogik ist eben mehr als Pflege und Behütung.
Deshalb ist es wichtig, dass die Krippenpädagogik aus ihrem Schattendasein heraustritt und mit den großen Sensationen im Erleben der kleinsten Menschen die Öffentlichkeit begeistert. Jeder Krippenalltag verzeichnet bemerkenswerte Inhalte, ob als naturwissenschaftliche Grunderfahrung, erste künstlerische Betätigungen oder kulturell noch wenig überformte Klänge.
All das ist Krippe.
Die Welt bleibt groß, wie klein man auch ist. Deshalb braucht eine gute Kinderkrippe:
- Bildungssensationen für Krippenkinder
- großartige Pädagoginnen statt Hilfskräfte
- naturwissenschaftliche Grunderfahrungen statt „Eididei“
- leibsinnliche Erfahrung statt Sauberkeits- und Ordnungszwang
- Selbständigkeit statt Behütung
- sinnvolle Spielmaterialien
- große und sichere Räume
- eine Perspektive der Kinderhöhe
- Und vor allem: viele andere Kinder
Um dies zu erreichen braucht es Pädagogen, die das Krippenhandwerk verstehen.
Wäre es da nicht klug und nachhaltig, den Pädagogennachwuchs gleich richtig auszubilden, anstatt auf Notbehelfe wie die Tagespflege zu setzen? Im Sinne der Allerkleinsten müssen schnell Prioritäten gesetzt werden: Wir brauchen dringen genügend Krippenprofis, denn nur mit diesen kann der Krippenalltag für Kinder wie Aniko und ihre Freunde gelingen.
Wer erleben will, wie Aniko und ihre Freunde ihren Krippenalltag unter der Begleitung von guten und für ihre Aufgabe spezialisierten Krippenpädagogen verbringen, was sie dort erleben und lernen, der schaut sich die DVD aus dem Krippenpacket mit dem Titel „Krippenarbeit live“ an.
Dieses Arbeitsmaterial für Pädagogen, Eltern und Ausbildungseinrichtungen ist im März 2010 beim Verlag an der Ruhr erschienen.
Veröffentlichungen zum Thema Krippenarbeit von Antje Bostelmann zum weiterlesen:
- Praxisbuch Krippenarbeit
- Das Portfolio-Konzept für die Krippe
- So gelingen Portfolios in der Krippe
- Spielen mit Kindern unter drei
- „Guten morgen, guten morgen wir winken uns zu“ Singezeilen für die Krippe
- Stufenblätter für die Krippe. Das Arbeitsmaterial für die individuelle Entwicklungsplanung mit dem Portfolio.
Über Antje Bostelmann
Antje Bostelmann ist ausgebildete Erzieherin, bildende Künstlerin und Mutter von 3 Kindern. 1990 gründete sie KLAX, anfangs als private Malschule und Nachmittagsbetreuung mit künstlerischem Schwerpunkt, heute ein überregionaler Bildungsträger mit Krippen, Kindergärten und Schulen (in Deutschland und Schweden).
www.klax-gruppe.de





